Newsletter TIR-Bibliothek: TIR präsentiert Lesetipp des Monats

Die Bibliothek der Stiftung für das Tier im Recht (TIR) stellt mit der ersten diesjährigen Ausgabe des Newsletters wiederum ausgewählte und aktuelle Neuzugänge vor. Bücher, Artikel und Filmbeiträge zu tierrelevanten Themen sollen hierbei näher beleuchtet werden. Der Lesetipp des Monats handelt vom Umgang mit Fischen, dem Fischfang und der Fischzucht und von den Bemühungen um eine tiergerechtere, umweltbewusste und ethisch vertretbare Lösung.

15.02.2021

Der jährliche Fisch- und Meeresfrüchtekonsum pro Kopf in der Schweiz beträgt knapp 9 Kilogramm. Von den konsumierten Fischprodukten in der Schweiz werden 98 Prozent aus dem Ausland importiert. Laut der Natur- und Umweltschutzorganisation WWF stieg der Schweizer Konsum von Fisch und Meeresfrüchten in den letzten 25 Jahren um rund 60 Prozent an. Der Anteil entsprechender Lebensmittel aus nachhaltiger Fischerei, ist unbekannt. Gemäss FAO stammen 44 Prozent der weltweiten Fischproduktion aus Aquakulturen. In solchen Zuchtanlagen werden ausgewählte Fischarten mit Fischen anderer Arten aus Wildfang gefüttert, was erheblich zur Überfischung beiträgt. Das Abwasser, bestehend aus Kot, Urin, Medikamentenrückständen und weiteren Chemikalien, gelangt meistens ohne Filterung zurück in die Gewässer. Für die Fische, die in Massentierhaltung in strukturloser Umgebung gehalten werden, sind solche Aquakulturen eine Qual. Die Tötung der Tiere wäre nach Schweizer Recht in vielen dieser Fischzuchtanlagen als Tierquälerei zu qualifizieren.

Knapp 90 Prozent der kommerziell genutzten Fischbestände in den Weltmeeren sind überfischt oder stehen kurz davor. Zudem tragen der Beifang und die Zerstörung der Korallen durch die Schleppnetze zu einem immensen Verlust der Artenvielfalt bei. Die Aussonderung von Schutzgebieten, die Überwachung der Einhaltung der Fangverbote und die ausschliessliche Förderung der nachweislich nachhaltigen Fischerei – in der auch Tierschutzkriterien berücksichtigt werden – sind wichtige politische Forderungen, für die sich auch die Schweiz stark machen sollte. Hierzu braucht es dringend die Mitwirkung der Konsumentinnen und Konsumenten. Eine drastische Reduzierung des Fischkonsums, der Verzicht auf exotische Fischarten oder bestenfalls die Umstellung auf eine pflanzenbasierte Ernährung helfen dem einzelnen Fisch, bewirken, dass sich die Fischbestände erholen können und bewegen letztlich die Fischereiindustrie zum Umdenken.

Billo Heinzpeter Studer widmet sich seit über 20 Jahren den Fischen. Im Jahr 2000 gründete er den Verein fair-fish. Das vorliegende Buch erzählt den Werdegang des Vereins, die Schwierigkeiten bei der Umsetzung von Fischrichtlinien in die Praxis, die Zusammenarbeit mit Berufsfischern und die Arbeit mit Behörden und Schweizer Detailhandelsketten. Es ist ihm ein grosses Anliegen, Strategien und Lösungen für eine "faire" Fischgewinnung zu finden, die bei den Fischern greifen und einfach umgesetzt werden können. Dafür begibt er sich auch vor Ort, wie zum Beispiel nach Senegal oder auf den Zürichsee, und setzt sich mit lokalen Berufsfischern zusammen, geht auf ihre Bedürfnisse ein, zeigt aber auch Lösungsansätze, die nachhaltiger und tiergerechter sind und auch entsprechend fair vergütet werden.

Seit 2008 ist die Tierwürde im Schweizer Tierschutzgesetz verankert. Für den Umgang mit Fischen wird seither eine obligatorische Ausbildung verlangt, zudem müssen die Fische nach dem Fang unverzüglich betäubt und getötet werden. Diese Kriterien gehen nicht zuletzt auf die Bemühungen von fair-fish zurück und dienten in der Folge als Orientierung bei der Errichtung eines eigenen zertifizierbaren Fischerei-Standards, der Tierschutz, fairen Handel und Nachhaltigkeit umfasst. Es handelt sich um das erste und bislang einzige Label, das alle Aspekte berücksichtigt. Fische mit Fair-fish-Label sind bis auf weiteres im Handel jedoch nicht erhältlich, da diese – aus Tierschutzsicht minimalen! – Anforderungen wirtschaftlich nicht tragbar sind. Die Fair-fish-Richtlinien dienen aber immerhin als Messlatte für andere Branchenstandards. So besteht die Hoffnung, dass die im deutschsprachigen Raum gebräuchlichen Labels Aquaculture Stewardship Council (ASC), Friend of the Sea (FOS), Bio Suisse und Naturland (Deutschland), die zwar einen Schritt in die richtige Richtung darstellen, jedoch nach wie vor ungenügend sind, im Sinne der Fair-fish-Kriterien weiterentwickelt werden.

Der Autor möchte mit dem vorliegenden Buch erreichen, dass unsere Gesellschaft den Umgang und Konsum mit Fischen überdenkt, sie als fühlende Wesen wahrnimmt, die Schmerzen empfinden können und ein eigenes Existenzinteresse besitzen. Das stille Leiden der Fische in der Fischerei und der Zucht ist immens und wird von den Konsumentinnen und Konsumenten, die lediglich mit dem fertigen "Produkt" konfrontiert werden, kaum erkannt.

Mit dem Aufbau des Vereins fair-fish international strebt Billo Heinzpeter Studer die Schliessung von Wissenslücken an. Er will aufzeigen, wie weltweit eine "fairere" Fischgewinnung unter Einhaltung der Fair-fish-Richtlinien erreicht werden kann. Zugleich möchte er auf das erhebliche Leiden der Tiere im Rahmen des Fangs hinweisen, ebenso wie auf die völlig unzureichenden Lebensbedingungen in strukturloser Massentierhaltung, die Zuchtfischen standardmässig zugemutet werden.

Das vorliegende Buch "Fair-fish – Weil man Fische nicht streicheln kann" ist im Handel erhältlich und kann nach Voranmeldung während der Öffnungszeiten auch in der TIR-Bibliothek eingesehen werden, wo Lese- und Arbeitsplätze zur Verfügung stehen. Aktuelle Neuzugänge in der TIR-Bibliothek werden jeweils im Newsletter TIR-Bibliothek vorgestellt.

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