TIR enttäuscht: Grosser Rat des Kantons Bern lehnt eine Kastrationspflicht für Freigänger-Katzen ab

Mit 88 zu 55 Stimmen hat der Grosse Rat an seiner Sitzung vom 18. März 2021 die Einführung einer Kastrationspflicht für Freigänger-Katzen im Kanton Bern abgelehnt. Das entsprechende Postulat wurde vor knapp einem Jahr von Grossrat David Stampfli (SP) eingereicht. Die TIR ist enttäuscht über den Entscheid des Berner Kantonsparlaments. Trotzdem wird sie sich weiterhin auf nationaler und kantonaler Ebene für eine Kastrationspflicht für Freigänger-Katzen einsetzen.

24.03.2021

Die Schweiz versinkt im Katzenelend. Entgegen einer weitverbreiteten Annahme besteht auch hierzulande ein massives Streunerproblem. Eine der Hauptursachen hierfür liegt darin, dass Privatpersonen (inkl. Landwirte) ihre Freigänger-Katzen nicht kastrieren lassen und diese in der Folge zusammen mit herrenlosen, unkastrierten Tieren ständig für weiteren Nachwuchs sorgen. Dies, obwohl die Tierschutzverordnung ausdrücklich festhält, dass Tierhaltende alles Zumutbare tun müssen, um zu verhindern, dass sich ihre Tiere übermässig vermehren (Art. 25 Abs. 4 TSchV). Das Paarungsverhalten unkastrierter Freigänger-Katzen unter Kontrolle zu haben, ist für deren Halter aber praktisch unmöglich.

Vermehren sich Katzen übermässig, bilden sich schnell grosse Kolonien auf engem Raum, was zu Hygieneproblemen und zur Ausbreitung von Krankheiten führt. Viele Tiere sterben qualvoll, weil sie keine medizinische Versorgung erhalten oder nicht ausreichend Nahrung finden. Die unkontrollierte Vermehrung von Katzen führt ausserdem dazu, dass jedes Jahr unzählige ungewollte Jungtiere in Tierheime abgeschoben oder ausgesetzt werden. Insbesondere in ländlichen Gebieten werden unerwünschte Katzenwelpen zudem teilweise immer noch ertränkt oder auf andere tierquälerische Weise getötet.

Als verhältnismässige und nachhaltige Massnahme gegen diese Missstände forderten NetAP und TIR im Rahmen einer im Juni 2018 mit über 100'000 Unterschriften übergebenen und von über 150 Tierschutzorganisationen mitgetragenen Petition eine Kastrationspflicht für Freigänger-Katzen (vgl. TIR-Newsmeldung vom 12. Juni 2018).

Nachdem sich in der Folge sowohl der National- als auch der Ständerat gegen die Annahme der Petition ausgesprochen hatten, hat der Nationalrat im Oktober 2020 auch die Motion "Weniger Tierleid dank Kastrationspflicht für Freigänger-Katzen" von Doris Fiala (FDP/ZH) abgelehnt, womit das Geschäft definitiv erledigt ist (vgl. TIR-Newsmeldung vom 11. November 2020). Die grosse Kammer ist dabei den teilweise irreführenden Argumenten des Bundesrats gefolgt, der den Vorstoss zuvor zur Ablehnung empfohlen hatte.

Nachdem die NetAP und die TIR bereits im März 2020 im Rahmen eines offenen Briefs an Bundesrat Alain Berset, den Vorsteher des Eidgenössischen Departements des Innern (EDI), um Auskunft über gewisse Behauptungen von Behördenseite im Zusammenhang mit der geforderten Kastrationspflicht für Freigänger-Katzen gebeten hatten, stehen sie nun weiterhin mit den Bundesbehörden im Austausch, um griffige Massnahmen für die Reduktion der Streunerpopulation in der Schweiz zu erarbeiten. Ebenso setzt sie sich dafür ein, Kastrationspflichten auf kantonaler Ebene einzuführen.

Bern ist der erste Kanton, der sich mit einem entsprechenden Vorstoss auseinandergesetzt hat. An seiner Sitzung vom 18. März 2021 hat der Grosse Rat das von SP-Grossrat David Stampfli eingereichte Postulat nun aber mit 88 zu 55 Stimmen abgelehnt. Die TIR bedauert die Haltung des Berner Parlaments. Gemeinsam mit NetAP wird sie sich jedoch auch weiterhin auf nationaler und kantonaler Ebene für eine nachhaltige Lösung der Streunerproblematik und gegen das damit einhergehende Tierleid stark machen.