Newsletter TIR-Bibliothek: TIR präsentiert Lesetipp
Die Bibliothek der Stiftung für das Tier im Recht (TIR) stellt mit der dritten diesjährigen Ausgabe des Newsletters wiederum ausgewählte und aktuelle Neuzugänge vor. Bücher, Artikel und Filmbeiträge zu tierrelevanten Themen sollen hierbei näher beleuchtet werden. Der besondere Lesetipp handelt von der Ausbeutung der Tiere in der Modeindustrie, ihren verheerenden ökologischen Auswirkungen und unserer widersprüchlichen Beziehung zu den Tieren.
16.07.2021
Mensch-Tier-Beziehungen gibt es in vielen Variationen. Wir halten Tiere als Heimtiere, kuscheln gerne mit ihnen, und zur gleichen Zeit essen wir ihr Fleisch und tragen ihre Haut, ihre Federn oder ihr Fell. Dutzendfache Foto- und Videoaufnahmen von leidenden Tieren auf Pelzfarmen, eingeschlossen in enge Käfige, bis sie auf qualvolle Art und Weise für ihr Fell getötet werden, lösen seit Jahren massive Proteste vonseiten der Tierschutzorganisationen und der breiten Bevölkerung aus. Zahlreiche Modelabels haben sich inzwischen bereit erklärt, keine Pelzbekleidungen mehr zu produzieren. Dennoch sind Pelzfarmen mit Käfig- und Massentierhaltung weiterhin Realität und beliefern Modeketten weltweit, die im Billigangebot Jacken und Mützen mit Pelzbesatz anbieten wie auch die Luxussegmente bedienen.
Während das Tragen von Echtpelz gesellschaftlich zumindest kontrovers diskutiert wird, verkauft die Lederindustrie ihre Produkte demgegenüber bis heute nahezu ungehindert und ohne eingehende öffentliche Debatte. Ebenso wie Pelz ist Leder ein Stück Tierhaut, lediglich ohne Behaarung. Lederverarbeitungsfirmen beliefern nicht nur die Schuh- und Bekleidungsbranche, sondern auch etwa die Möbel- und Automobilindustrie. Hinter diesem milliardenschweren Geschäft verbirgt sich – nicht weniger als hinter Pelzerzeugnissen – immenses Tierleid.
Die Haltungsbedingungen der Tiere sind in aller Regel nicht rückverfolgbar. In der Schweiz gilt zumindest für Pelzprodukte eine Deklarationspflicht, für Lederwaren hingegen noch nicht. Häufig wird angenommen, dass das angebotene Leder im Handel ein Abfallprodukt der Fleischindustrie sei. Doch in der Realität sieht dies anders aus, denn die Ledergewinnung macht die Schlachtung der Tiere noch rentabler. Ein Grossteil des in der Schweiz verkauften Leders stammt aus dem Ausland, darunter viel Billigleder, das aus Ländern wie Indien, Bangladesch, Vietnam und China stammt. In der Schweiz werden jährlich über 60 Millionen Tiere geschlachtet. Den Hauptteil davon verarbeitet die Firma Centravo in Lyss für die Herstellung von Lebensmitteln, Pharmaprodukten und Tierfutter. Die Häute und Felle werden für die weitere Lederfabrikation vorbereitet und zu über 90 Prozent exportiert – vornehmlich in spezialisierte Gerbereien im EU-Raum, wie es auf der Website von Centravo heisst. Jährlich sind das zirka 850’000 Häute und Felle von Gross- und Kleintieren.
Im Rahmen der Lederverarbeitung werden giftige Chemikalien benötigt, wie zum Beispiel Chrom III, das sich bei unsachgemässer Anwendung in erbgutschädigendes Chrom VI umwandeln kann. Solche Rückstände sind in vielen Lederbekleidungen und Schuhen zu finden. Der marketingtechnisch verwendete Begriff "Bioleder" bezeichnet nicht etwa, wie vermutet werden könnte, eine biologische oder artgerechte Freilandhaltung der für die Lederprodukte verwendeten Tiere, vielmehr wird damit die Art der Gerbung gekennzeichnet. Für Bioleder werden pflanzliche Gerbstoffe wie Mimosarinde, Quebracho oder die Blätter des Sumachs verwendet. Einzig das Zürcher Modelabel "Fin Projects" vermarktet Lederwaren von Biorindern. In Zusammenarbeit mit der Firma Centravo wurde hierfür eine transparente Lieferkette aufgebaut, sodass die verwendeten Häute von Rindern aus Mutterkuhhaltung des Labels Knospe rückverfolgt werden können.
Im hier vorgestellten Buch "Fashion Animals" beschreibt der Autor, wie Tiere in der Geschichte der Modeindustrie bis in die Gegenwart ausgebeutet werden. Diese Ausbeutung der Tierwelt reicht von der Ausrottung einzelner Arten bis hin zur gross angelegten industriellen Gefangenschaft und Tötung. Anhand von historischen und modernen Modebildern thematisiert Joshua Katcher unsere ambivalente Beziehung zu Tieren. Die Abbildungen zeigen Models bekleidet mit Pelz, Fellen und Federn, oftmals auch spärlich verhüllt, die mit lebenden Tieren fotografiert oder grafisch dargestellt sind. Diese Bilder implizieren nicht selten den Wunsch nach Natur- und Tiernähe, indem die Tiere zu zwangsverpflichteten Botschaftern werden, die scheinbar die Erlaubnis zur Nutzung erteilen und für Modeobjekte werben, die aus Tieren hergestellt wurden und wofür Tiere sterben mussten. Eine scheinheilige Mensch-Tier-Vertrautheit soll hierdurch suggeriert werden, die manipuliert ist und zugleich die Würde des Tieres verletzt. Der Autor beschreibt die lebenden Requisiten auch als anthropomorphisierende Agenten, die Mode konsumieren, tragen oder verkaufen.
Das Buch wird ergänzt durch Berichte, die die Realität der heutigen Tierproduktion zeigen, wie etwa das tierquälerische Mulesing bei Schafen zur Wollgewinnung oder die inakzeptablen Haltungs- und Zuchtbedingungen sowie Tötungspraktiken in Bezug auf Krokodile, Echsen und Schlangen zur Gewinnung von Reptilienleder. Zudem möchte das Buch die verheerenden ökologischen Auswirkungen der tierlichen Ausbeutung aufzeigen, die diese global auf die gesamte Umwelt ausübt. Neben enormen Gewässerverschmutzungen, verursacht durch direkte Abwasserleitungen der Gerbereien in Flüsse und Seen insbesondere in asiatischen Ländern, sind unfaire und gesundheitsschädigende Arbeitsbedingungen für die dort lebenden Menschen und Tiere omnipräsent.
Alternativen zu Leder, Pelz, Wolle und anderen tierlichen Materialien gibt es bereits. Sie weisen im Vergleich zu den herkömmlichen Produkten aus Tierbestandteilen oftmals eine deutlich bessere Bilanz in den Bereichen Ethik, Ökologie und Nachhaltigkeit auf. Die Forschung auf dem Gebiet der nicht-tierlichen Ersatzprodukte schreitet in allen Bereichen weiter voran. Die Konsumentenschaft kann ihren Beitrag dazu leisten, denn je höher die Nachfrage, desto grösser und kostengünstiger wird das Angebot, womit tierliche Materialien in den Hintergrund treten. Visionäre Ideen und Innovationen sind nicht neu. Bereits aus der Viktorianischen Epoche (1837 bis 1901) sind Aufzeichnungen zu Alternativen für Leder, Wolle, Elfenbein, Federn und Pelz bekannt. Abbildungen von früheren Werbeplakaten zeigen Beispiele von tierfreier Mode und betiteln sie etwa mit "Humana Footwear" oder "Fur Substitutes for Humanitarians".
Revolutionäre Erfindungen wie die Spinnenseide, die ohne Spinnen auskommt, oder Lederersatz aus Pilzen (Mycelium-Leder), Ananasfasern, Kakteen und Früchteabfällen sowie Keratin-Fasern, die gezüchtet werden, um Horn zu substituieren, sollen das Leid der Tiere beenden und besonders bedrohte Tierarten, wie zum Beispiel das Nashorn, vor der Ausrottung bewahren. Die Haltbarkeit und die ökologischen Bedingungen sind einwandfrei, da es sich um organisches Material handelt und es keinen oder nur geringen Abfall hinterlässt. Das handelsübliche Kunstleder besteht meist aus Polyurethanen (kurz PU), einem Kunststoff, der nicht recycel- oder abbaubar ist und einen suboptimalen ökologischen Fussabdruck hinterlässt, da er in der Regel aus Erdöl gewonnen wird.
Das Buch-Vorwort hat die kanadische Fotojournalistin und Tierrechtsaktivistin Jo-Anne McArthur verfasst. Sie ist bekannt für ihr aufrüttelndes Fotoprojekt "We Animals", das die ambivalente Beziehung zwischen Mensch und Tier eindrücklich dokumentiert. Sie beschreibt in berührender Weise, was sie bei ihrer Arbeit empfindet und wie sie die schwer zu ertragenden Bilder weiter in die Welt hinaustransportieren möchte, damit die Menschen hin- und nicht wegsehen.
Joshua Katcher hofft auf eine Wendung in der Modebranche und weist darauf hin, dass es nicht darum geht, wie Tiere in der Mode verwendet werden, sondern darum, dass sie überhaupt verwendet werden. Die Gewalt in der Modeindustrie wird versteckt gehalten, die Empfindungsfähigkeit der Tiere wird ausgeklammert, ja sogar romantisiert, und dies soll künftig nicht mehr verheimlicht werden können. Der Autor bleibt optimistisch und geht davon aus, dass das Tragen von Tierkörperteilen bald durch ethisch und ökologisch unbedenkliche Materialien aus Bioreaktoren oder Bioprintern gänzlich ersetzt werden kann.
Joshua Katcher ist Modedesigner, Aktivist, Autor und Lehrer. Er unterrichtet an der Parsons School of Design, The New School und am LIM College. Er hält international Vorträge zum Thema nachhaltige und ethische Mode. Katcher lancierte 2010 das erste vegane Männermode-Label "Brave GentleMan" und wurde von PETA als "Menswear Brand of the Year" und "Most Influential Designer" ausgezeichnet.
Das vorliegende Buch "Fashion Animals" von Joshua Katcher ist im Handel erhältlich und kann nach Voranmeldung während der Öffnungszeiten auch in der TIR-Bibliothek eingesehen werden, wo Lese- und Arbeitsplätze zur Verfügung stehen. Aktuelle Neuzugänge in der TIR-Bibliothek werden jeweils im Newsletter TIR-Bibliothek vorgestellt.
Weitere Informationen
- Buch "Fashion Animals" von Katcher Joshua
- Website Joshua Katcher
- Website We Animals
- Vegane Gesellschaft Schweiz: Vegane Alternativen zu Leder
- PETA Schweiz: Exotenleder: Krokodile, Schlangen und Warane leiden für Mode
- Aktuelle Neuzugänge in der TIR-Bibliothek: Newsletter TIR-Bibliothek
- Buchtipp: "Hidden – Animals in the Anthropocene" von McArthur Jo-Anne, Wilson Keith (Hrsg.)
- Artikel: "Umweltbewusstsein - Leder ist schrecklich" von Weber Bettina
- Artikel: "Verschiedene Grade der Obszönität: der Konsum von tierlichen Produkten ausserhalb der Ernährung" von Remele Kurt
- Filmtipp: SRF DOK - Luxusmode – Leiden für Edles
- Weiterer Filmtipp: Gift auf unserer Haut