Newsletter TIR-Bibliothek: TIR präsentiert den Lesetipp


Die Stiftung für das Tier im Recht (TIR) stellt mit ihrem vierten Bibliotheksnewsletter des Jahres 2023 wiederum ausgewählte Neuzugänge vor. Präsentiert werden Bücher, Artikel und Filmbeiträge zu tierrelevanten Themen. Im Fokus der aktuellen Ausgabe steht das Buch "Verrufene Tiere – Ein Bestiarium menschlicher Ängste", das uns mitnimmt in die Tiefen unserer Psyche.

21.12.2023

Die menschliche Psyche ist bemerkenswert und hochkomplex. Was unser Verhältnis zu den Tieren betrifft, zeigen sich allerdings ihre teils tiefen Abgründe. Tiere faszinieren die Menschen seit Anbeginn und schüren gleichzeitig auch unsere Ängste. Das menschliche Verständnis von Tieren widerspiegelt sich oftmals in Fabeln, Mythen und Märchen und wird durch diese wiederum gefestigt. Einige Tierarten inspirieren uns, wir bestaunen ihre Fähigkeiten und vergöttern sie sogar, oder aber wir untersuchen ihre erstaunlichen Eigenschaften, indem wir sie gefangen halten und töten. Viele Lebewesen dienen uns als Gefährten und Nahrungsquelle. Andere Spezies wiederum ekeln oder erschrecken uns. Tieren wurden auch immer wieder menschliche Attribute – wie etwa fleissig, gemein oder hinterhältig – zugesprochen, die wir an unseren moralischen und ästhetischen Vorstellungen messen. Die teilweise nicht gerechtfertigten Vorstellungen halten sich bis heute. Wissenschaftliche Fakten haben es oftmals schwer, diese zu durchbrechen.

Stephan Wunsch porträtiert zehn dieser schlecht beleumundeten, ja verrufenen Tiere im vorliegenden Buch und zeigt, welche Ängste sie in uns wachrufen und warum wir ihnen oft zu Unrecht Eigenschaften zuteilen, die nicht der Wahrheit entsprechen.
Unsere Interpretationen von bösartigen Tieren und Fantasievorstellungen von menschenfressenden Bestien führten immer wieder zu Hetzjagden und Massakern, die nicht zuletzt auch ganze Tierarten ausrotteten. Bis heute gibt es Beispiele zu exzessiven Kampfansagen gegen Tiere, die uns Angst bereiten, wie das Klapperschlangen-Festival in Texas (USA) oder die aktuelle Jagd auf den Wolf hier in der Schweiz. Obwohl wir tagtäglich sogenannte Nutztiere zum Schlachthaus transportieren lassen, sehen viele von uns den Wolf als eine blutrünstige und unkontrollierte Spezies, die unsere Nahrungsquelle bedroht.

Haie als Beispiel einer verrufenen Tierart sind wohl die bekanntesten Opfer menschlicher Ängste. Der Weisse Hai wird für die meisten Angriffe verantwortlich gemacht, da er gerne in küstennahen Gewässern nach Nahrung sucht und so leichter in Kontakt mit Menschen gerät als ein Hochseehai. Einige Haiattacken haben es zu grosser Berühmtheit gebracht und die mediale Aufmerksamkeit, später angereichert mit Filmen wie «Der Weisse Hai», hat dazu geführt, dass diese Fische in unserem Gedankengut fest als Bestien verankert sind. Sachliche Aufklärung hat es hier oftmals schwer, um tiefsitzende Ängste zu bekämpfen. Laut Global Shark Attack File (GSAF) wurden in den vergangenen 20 Jahren 170 Menschen von Haien getötet.

Im Mittel bedeuten diese Werte jährlich 8,5 Tote und 68 Verletzte – weltweit. Zum Vergleich: Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzte die Anzahl Verkehrstoter im Jahr 2021 auf rund 1.19 Millionen Menschen.

Ein weiteres Tier von zweifelhaftem Ruf ist die Spinne, die häufig panische Angst oder sogar Phobien bei Menschen auslöst. Ein Erklärungsversuch für Arachnophobie beruft sich auf eine genetisch verankerte Urangst. Die These der Urangst besagt, dass sich vor vielen Jahrmillionen Bilder von gefährlichen Tieren so fest in Primatenhirne eingebrannt haben, dass sie sich über Hunderttausende Generationen hinweg bis zu uns hin weitervererben konnten und uns daher unabhängig von individuellen Erfahrungen in einen instinkthaften Alarmzustand versetzen.

Das Buch widmet auch den Wespen ein Kapitel, die nicht selten als gemein bezeichnet werden und generell einen schlechten Ruf erdulden müssen. Das Wissen um ihre Lebensweise und vor allem die Nützlichkeit im Bestäuben von Pflanzen, das uns Menschen nur dienlich sein kann, hilft, unsere Zweifel und Ängste in Faszination und Respekt umzuwandeln.

Schwer haben es auch Tiere, die als unhygienisch und ekelhaft gelten, so etwa Mäuse, Ratten oder Stadttauben. Sie werden von Schädlingsbekämpfungsfirmen als Krankheitsüberträger bezeichnet. Sogar Behörden schüren in ihren öffentlichen Informationen diesbezüglich oftmals Ängste statt sachlich einen korrekten und respektvollen Umgang mit diesen Tieren zu vermitteln. Es wäre wünschenswert, verrufenen Tieren mit mehr Wertschätzung zu begegnen, sie kennenzulernen und Vorurteile gestützt auf wissenschaftliche Erkenntnisse abzubauen. In unserer menschendominierten Welt hängt ihre Lebensberechtigung oftmals am seidenen Faden, in vollkommener Abhängigkeit unseres Wohlwollens ihnen gegenüber.

Das Werk "Verrufene Tiere – Ein Bestiarium menschlicher Ängste" von Stephan Wunsch ist im Handel erhältlich und kann nach Voranmeldung während den Öffnungszeiten auch in der TIR-Bibliothek eingesehen werden, wo Lese- und Arbeitsplätze zur Verfügung stehen. Aktuelle Neuzugänge in der TIR-Bibliothek werden jeweils im Newsletter TIR-Bibliothek vorgestellt.