Newsletter TIR-Bibliothek: TIR präsentiert den Lesetipp

Die Stiftung für das Tier im Recht (TIR) stellt mit ihrem ersten Bibliotheksnewsletter des Jahres 2025 wiederum ausgewählte Neuzugänge vor. Präsentiert werden dabei Bücher, Artikel und Filmbeiträge zu tierrelevanten Themen. Im Fokus der aktuellen Ausgabe steht das Buch "The Sounds of Life – Die verborgene Welt der Tiere und Pflanzen", dass die scheinbare Stille von lebenden Organismen zum Klingen bringt.

04.04.2025

Moderne Technologien bestimmen unser tägliches Leben. Je nach Einsatz sind sie ein Fluch oder ein Segen. Mit Blick auf die Tier- und Pflanzenwelt könnte die künstliche Intelligenz aber immer mehr dazu beitragen, den Schutz einzelner Tierarten und ihrer Habitate zu fördern. Das vorliegende Buch "The Sounds of Life – Die verborgene Welt der Tiere und Pflanzen" zeigt auf, wie bestehende Bio- und Ökoakustik-Verfahren durch die digitale Technologie und KI erweitert, intensiviert und gezielt für Tierwohlprojekte oder die Entschlüsselung von Tierkommunikationsdaten eingesetzt werden können. Die Autorin erzählt hierzu faszinierende Geschichten von den Anfängen der Erforschung von Tierstimmen bis hin zum Einsatz der aktuellen Digitaltechnik. Tiere, die in der Wissenschaft bis anhin als stumm galten, weil die von ihnen ausgehenden Geräusche und Schwingungen für das menschliche Ohr nicht erfassbar sind, werden dank der digitalen Unterstützung nun endlich gehört. Was neue akustische Technologien zutage bringen, ist für viele indigene Völker jedoch nicht neu, denn auch sie verfügen über Möglichkeiten, nichtmenschliche Töne zu erfassen und zu analysieren und zu ihrem Vorteil zu nutzen.

Dank des sogenannt passiven akustischen Monitorings (PAM), das Daten des dreidimensionalen Raumes erhebt, können an schwer zugänglichen Stellen nichtmenschliche Töne von lebenden Organismen aufgenommen werden. Dieses nicht invasive Verfahren ist sehr präzise, Tag und Nacht einsetzbar und stört oder beeinflusst die Tiere nicht bei ihren Aktivitäten. Somit ermöglicht es eine reale Dokumentation des Tierlebens aus der Ferne, wohingegen frühere Beobachtungen nur vor Ort und zu gewissen Zeiten stattfinden konnten. Zudem können die ermittelten Klänge für den Schutz von bedrohten Arten eingesetzt werden. An der Atlantik- und Pazifikküste Nordamerikas werden zurzeit bioakustikbasierte Überwachungssysteme verwendet, um die Position von Walen zu bestimmen. Die Schiffe werden deshalb sogar angewiesen, langsamer zu fahren und ein Fischfang-Stopp wird verordnet. Akustische Aufnahmen können ferner auch als abschreckende Alarmsignale dienen. Niederfrequente Signale reduzieren zum Beispiel den Beifang von Meeresschildkröten, da die Tiere durch entsprechende Schwingungen den Netzen fernbleiben. Der Klimawandel hat bekanntlich erheblichen Einfluss auf die Ozeane, vor allem die Korallen leiden besonders unter den höheren Wassertemperaturen. Dies führt in der Folge auch zu einer lebensbedrohlichen Situation für die Menschen, vor allem, was den Küstenschutz betrifft. Mithilfe von sogenannten Playbacks und dem Abspielen von Tönen intakter Riffs, konnten Fischlarven wieder an degenerierte Riffs angesiedelt und ein vollständiges Absterben verhindert werden.

Ein weiteres zentrales Anliegen des Buches ist es, das Bewusstsein für die Auswirkungen von Lärmverschmutzung auf Tiere und Pflanzen zu schärfen.

Die Autorin Karen Bakker erläutert, wie menschliche Geräusche die natürlichen Kommunikationswege stören und das Verhalten sowie das Überleben vieler Arten beeinträchtigen können. Lärmverschmutzung beispielsweise in Gewässern mit regem Schiffsverkehr, Marinesonar, Munitionsexplosionen oder Gas- und Ölförderung, kann zu Verhaltensänderungen, Hörschäden und sogar zum Tod der Wasserlebewesen führen.

Das Buch ist in seinem Kern zwar wissenschaftlich, in dem es klare Erklärungen zu Bioakustik, Ökoakustik, Infraschallimpulsen und anderen ähnlichen Konzepten liefert; es ist mit seinen Geschichten aber auch poetisch und berührend. Dies zeigt sich vor allem bei der Ermittlung oder Entschlüsselung von Kommunikationsmerkmalen mit unseren Mitgeschöpfen.

Die neuen Technologien bergen jedoch auch die Gefahr, dass weitere dringliche Massnahmen zum Schutz der Tiere und ihres Lebensraums nicht umgesetzt werden, obwohl sie dringend notwendig wären. Statt nur Alarmsignale auszusenden, um Meeresschildkröten vor Netzen zu warnen, sollte der Einsatz von Schleppnetzen verboten und der Fischfang generell reduziert werden. Ausserdem ist fraglich, ob sich durch diese neuen Infrastrukturen unser Verhältnis zur Erde und allen Lebewesen effektiv verändert. Wünschenswert wäre, dass die Menschen durch diese neue Art des Hörens ein besseres Verständnis für die Natur und ihre Mitlebewesen entwickeln würden. Zudem ist es wichtig, dass Vorsichtsmassnahmen getroffen werden, damit Digitaltechnik nicht missbraucht oder ausgenutzt wird, was schlussendlich den Tieren und Pflanzen schadet. Technik allein wird uns nicht helfen, schreibt Bakker und plädiert für mehr Arten- und Klimaschutz.

Karen Bakker (1971-2023) studierte Literatur- und Sprachwissenschaften und promovierte an der Universität Oxford. Sie war Professorin an der University of British Columbia und im Laufe ihrer Karriere erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, darunter Stipendien der Stanford und Harvard University. Das Werk "The Sounds of Life – Die verborgene Welt der Tiere und Pflanzen" ist im Handel erhältlich oder kann nach Voranmeldung während der Öffnungszeiten auch in der TIR-Bibliothek eingesehen werden, wo Lese- und Arbeitsplätze zur Verfügung stehen.

Die englische Originalausgabe erschien 2022 unter dem Titel "The Sounds of Life – How Digital Technology Is Bringing Us Closer to the Worlds of Animal and Plants". Aktuelle Neuzugänge in der TIR-Bibliothek werden jeweils im Newsletter TIR-Bibliothek vorgestellt.

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