Zum Tod von Prof. Dr. Gotthard M. Teutsch

Am 19. April 2009 ist in Bayreuth Prof. Dr. Gotthard M. Teutsch im Alter von 90 Jahren verstorben. Die Stiftung für das Tier im Recht (TIR) trauert um eine der herausragendsten Persönlichkeiten  der Tierschutzethik des 20. Jahrhunderts und spricht seinen Angehörigen ihr herzliches Beileid aus.

05.05.2009

Mit dem Tod von Gotthard M. Teutsch hat die Tierschutzbewegung im deutschsprachigen Raum einen ihrer bedeutendsten Exponenten verloren. Mit seiner jahrzehntelangen akribischen Tätigkeit hatte Prof. Teutsch ganz entscheidenden Anteil an der geisteswissenschaftlichen und gesellschaftlichen Weiterentwicklung des allgemeinen Bewusstseins für einen besseren Tierschutz. Unzählige Wissenschaftler, Dissertanten etc. können bis heute von seinen grundlegenden Arbeiten profitieren und ihre eigenen darauf aufbauen.

Am 13. Dezember 1918 geboren, studierte Gottard M. Teutsch von 1938-1944 an den Universitäten Heidelberg, München und Freiburg Chemie und Geschichte, unterbrochen von einem Jahr an der PH München-Pasing, wo er 1942 auch die Prüfung für das Lehramt an Volksschulen ablegte. Nach mehrjähriger Berufstätigkeit als freischaffender Schriftsteller und Lektor nahm er 1952 in Erlangen das Studium der Geschichte und Pädagogik wieder auf, wo er ein Jahr später promovierte. Danach war er unter anderem auch während einiger Zeit am Forschungsinstitut für Menschenrechte in Zürich tätig.

1962 kam Prof. Teutsch als Hochschuldozent für Soziologie und Politik an die Pädagogische Hochschule Karlsruhe. Über Jahrzehnte war er dort in Lehre und Forschung als aussergewöhnlich engagierter Dozent sehr geschätzt und gründetet 1968 das Hodegetische Institut der Pädagogischen Hochschule. Seit den Siebziger Jahren engagierte er sich dann auch sehr stark für die Belange des Tier- und Umweltschutzes.

Neben der Publikation unzähliger bedeutender eigener Werke – unter ihnen die heute noch grundlegenden Lexika zur Umwelt- und Tierschutzethik (Göttingen 1985 und 1987) – hat Prof. Teutsch an der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe ab 1992 auch das "Archiv für Ethik im Tier- Natur- und Umweltschutz (AET)" aufgebaut. Das AET bestand zunächst aus der umfangreichen Privatsammlung seines Begründers, die im Laufe weniger Jahre zu einer beeindruckenden Fachbibliothek mit einigen Tausend Titeln herananwuchs. Dabei handelte es sich nicht nur um Monografien, sondern auch um viele eigentliche Trouvaillen und Werke sogenannt unselbständiger Literatur wie Kleindrucke aus Zeitschriften, Zeitungen oder Sammelbänden, sowie unzählige weitere, teilweise sehr schwer zugängliche oder historische Texte. Mit rund 5000 Tierschutzdokumenten galt das AET weltweit als eine der wichtigsten Literatursammlungen zum Thema Tierethik und umfasste eine grosse Anzahl längst vergriffener oder nur noch sehr schwer zugänglicher Dokumente. Dazu kamen unzählige Publikationen von Prof. Teutsch selbst und gegen 200 Ordner mit gesammelten unselbständigen Werken anderer Autoren aus Zeitschriften und der Tagespresse.

Neben dem fortlaufenden Ausbau des Literaturbestands war dem AET-Begründer stets auch die gründliche Information der Öffentlichkeit über die neu in das Archiv aufgenommenen Schriften ein Hauptanliegen. Ab 1995 fand darum der von ihm bereits Jahre zuvor initiierte "Rundbrief für alle Freunde von Albert Schweizer" aufgrund seines zunehmenden Umfangs seine Fortsetzung im viel beachteten Literaturbericht der Fachzeitschrift ALTEX. Unter dem Titel "Mensch und Mitgeschöpf unter ethischem Aspekt" rezensierte Prof. Teutsch jeweils in der Jahresschlussnummer in bewundernswerter Feinarbeit die wichtigsten Neuzugänge des AET. Durch den Literaturbericht wurde dem an der Mensch-Tier-Beziehung generell interessierten Leser eine umfassende Übersicht über den neusten Wissensstand vermittelt.

Nicht zuletzt waren die Literaturberichte stets auch ein Symbol für die akribische Arbeitsweise ihres Verfassers. Umfang und Tiefe lassen erahnen, welche Unmengen von Literatur gelesen, kategorisiert und selektiert werden mussten, um dem Anspruch steter Objektivität, Ausgewogenheit und Aktualität gerecht zu werden. Insgesamt wurden über 2000 Dokumente besprochen. Vor dem Hintergrund, dass Prof. Teutsch die Literaturberichte praktisch im Alleingang verfasst hat, können dieser herausragenden Leistung nicht genügend Respekt und Bewunderung entgegengebracht werden.

Im Jahre 2005 entschied sich Prof. Teutsch zum altersbedingten Rücktritt von seinen aktiven Tätigkeiten. Vor dem Hintergrund, dass keine andere Einzelperson über die Energie und vor allem auch über ein derart weitreichendes Wissen über alle Facetten der Mensch-Tier-Beziehung verfügt, wird der Literaturbericht, der nach wie vor in der Jahresschlussausgabe von ALTEX erscheint, seither von einer mehrköpfigen Arbeitsgruppe aus Expertinnen und Experten verschiedener Disziplinen im Sinne seines Begründers weitergeführt.

Die Stiftung für das Tier im Recht (TIR) ist vor allem über das AET mit dem geistigen Nachlass von Prof. Teutsch verbunden. Auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin wurde das AET im Herbst 2006 von Karlsruhe nach Zürich überführt und systematisch in die Bibliothek der TIR integriert. Diese Lösung bot sich an, weil dort bereits ein grosser Bestand an einschlägiger Literatur aufgebaut worden war und dem Begründer des Archivs eine Stiftung als Trägerschaft nachhaltiger erschien als eine universitäre Arbeitsgruppe, die sich im Laufe der Jahre durch die an Universitäten üblichen Umorientierungen auch wieder ganz anderen Schwerpunkten widmen könnte.

Die TIR ist sehr stolz darauf, einen Teil des herausragenden Lebenswerks von Prof. Teutsch in Form ihrer Bibliothek weiterführen zu dürfen. Sie setzt alles daran, dies in gebührender Form zu tun, und weiss um die hohe Verantwortung, die mit der Übernahme der AET-Literaturbestände verbunden ist. Durch die aufwendigen Integrationsarbeiten, für die eigens ein wissenschaftlicher Mitarbeiter aus dem Fachbereich Philosophie engagiert worden ist, soll das gesammelte Wissen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich bleiben und weiter fruchtbar gemacht werden. Auf der Grundlage des zur Mensch-Tier-Beziehung bereits aus den verschiedensten Perspektiven Veröffentlichten sollen die einzelnen Fachrichtungen weiterentwickelt und sinnvoll miteinander verflochten werden.

Im Dezember 2006 hatten Antoine F. Goetschel (damaliger Geschäftsleiter und heutiger Stiftungsrat der TIR) und Gieri Bolliger die Möglichkeit, Prof. Teutsch und seine Frau in Bayreuth zu besuchen und ihrer grossen Freude über die aussergewöhnliche Zuwendung und das in die TIR gesetzte Vertrauen Ausdruck zu verleihen. Die bewegende Begegnung wird den TIR-Verantwortlichen für immer in dankbarer Erinnerung bleiben. Den Angehörigen von Prof. Gotthard M. Teutsch sprechen wir an dieser Stelle unser tiefstes Beileid aus.