TIR enttäuscht: Ständerat lehnt eine Kastrationspflicht für Freigänger-Katzen ab
Im Juni 2018 konnten die Tierschutzorganisationen Network for Animal Protection – NetAP und Stiftung für das Tier im Recht (TIR) ihre von über 150 Tierschutzorganisationen getragene Petition für eine Kastrationspflicht für Freigänger-Katzen mit über 115'000 Unterschriften dem Parlament einreichen. Nach dem Nationalrat hat nun am letzten Donnerstag auch der Ständerat die Petition abgelehnt. Die TIR ist enttäuscht über die Haltung des Parlaments und hofft nun auf die Motion von Nationalrätin Doris Fiala (FDP/ZH), die ebenfalls eine Kastrationspflicht für Freigänger-Katzen fordert.
02.10.2019
Die Schweiz versinkt im Katzenelend. Entgegen einer weit verbreiteten Annahme besteht auch hierzulande ein massives Streunerproblem. Eine der Hauptursachen hierfür liegt darin, dass Privatpersonen (inkl. Landwirte) ihre Freigänger-Katzen nicht kastrieren lassen und diese in der Folge zusammen mit herrenlosen, unkastrierten Tieren ständig für weiteren Nachwuchs sorgen. Dies, obwohl die Tierschutzverordnung ausdrücklich festhält, dass Tierhaltende alles Zumutbare tun müssen, um zu verhindern, dass sich ihre Tiere übermässig vermehren (Art. 25 Abs. 4 TSchV). Das Paarungsverhalten unkastrierter Freigänger-Katzen unter Kontrolle zu haben, ist für deren Halter aber praktisch unmöglich. Vermehren sich Katzen übermässig, bilden sich schnell grosse Kolonien auf engem Raum, was zu Hygieneproblemen und zur Ausbreitung von Krankheiten führt. Viele Tiere sterben qualvoll, weil sie keine medizinische Versorgung erhalten oder nicht ausreichend Nahrung finden.
Die unkontrollierte Vermehrung von Katzen führt ausserdem dazu, dass jedes Jahr unzählige ungewollte Jungtiere in Tierheime abgeschoben oder ausgesetzt werden. Insbesondere in ländlichen Gebieten werden unerwünschte Katzenwelpen zudem teilweise immer noch ertränkt oder auf andere tierquälerische Weise getötet. Als verhältnismässige und nachhaltige Massnahme gegen diese Missstände fordern NetAP und TIR im Rahmen einer im Juni 2018 mit über 100'000 Unterschriften eingereichten und von über 150 Tierschutzorganisationen mitgetragenen Petition eine Kastrationspflicht für Freigänger-Katzen (vgl. TIR-Newsmeldung vom 12. Juni 2018). Im vergangenen Oktober haben sich die beiden Organisationen zudem mit einem offenen Brief an den Bundesrat gewandt und von diesem eine nachhaltige und tiergerechte Lösung für die bestehende Streunerproblematik gefordert
Der Bundesrat sowie das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) lehnen eine Kastrationspflicht für Freigänger-Katzen allerdings ab und setzen insbesondere auf die Wirkung von Sensibilisierungskampagnen.
NetAP und TIR haben sich mit den vom BLV vorgebrachten Argumenten gegen eine Kastrationspflicht kritisch auseinandergesetzt und zeigen auf, dass Sensibilisierungsmassnahmen allein nicht genügen, um die Streunerproblematik nachhaltig zu lösen. Vielmehr braucht es hierfür griffige rechtliche Vorschriften (vgl. die ausführliche Stellungnahme vom 20. Dezember 2018).
Im Juni 2019 hat sich der Nationalrat gegen die Annahme der Petition für eine Kastrationspflicht für Freigänger-Katzen ausgesprochen. Die WBK des Nationalrates hat stattdessen am 15. August 2019 dem Bundesrat die Motion 19.3959 "Für eine bessere Kontrolle der Vermehrung von Streunerkatzen" vorgelegt. Mit der Motion wird der Bundesrat beauftragt, eine Pflicht zur elektronischen Identifizierung aller Katzen vorzusehen. Nicht identifizierte Katzen sollen zudem ohne Einverständnis der Besitzerin bzw. des Besitzers sterilisiert werden dürfen. In einer Medienmitteilung nehmen NetAP und TIR zur Motion Stellung: Sie begrüssen die in der Motion enthaltene Anerkennung des Katzenleids in der Schweiz und die formulierten Forderungen. Gleichzeitig machen sie aber darauf aufmerksam, dass eine Kennzeichnungspflicht das bestehende Problem der Überpopulation nicht lösen kann, da diese keinen direkten Einfluss auf das Sexualverhalten der Katzen hat. Daher kann eine Kennzeichnungspflicht lediglich als flankierende Massnahme zu einer Kastrationspflicht verstanden werden.
Vergangenen Donnerstag ist der Ständerat dem Nationalrat gefolgt und hat ebenfalls beschlossen, der Petition für eine Kastrationspflicht für Freigänger-Katzen keine Folge zu geben. Somit wurde die Petition endgültig abgelehnt. Die TIR ist enttäuscht über die Haltung des Parlaments. Aufgrund des bestehenden Katzenleids in der Schweiz ersucht die TIR den National- und Ständerat dringend, seine Argumentation im Rahmen der Behandlung der Motion von Doris Fiala (FDP/ZH) noch einmal zu überdenken und sich für eine nachhaltige Lösung der Streunerproblematik einzusetzen.