Newsletter TIR-Bibliothek: TIR präsentiert den Lesetipp
Die Stiftung für das Tier im Recht (TIR) stellt mit ihrem dritten Bibliotheksnewsletter des Jahres 2022 wiederum ausgewählte Neuzugänge vor. Präsentiert werden dabei Bücher, Artikel und Filmbeiträge zu tierrelevanten Themen. Im Fokus der aktuellen Ausgabe steht das Buch "Der Schneeleopard" von Sylvain Tesson, in dem es nicht nur um die Suche nach dem Schneeleoparden, sondern vielmehr auch um das Zerstören der Welt durch den Menschen geht und gleichzeitig nach einer Anleitung gegen die Hektik in unserem Alltag gesucht wird.
07.10.2022
Der französische Abenteurer und Schriftsteller Sylvain Tesson reist mit dem bekannten Tierfotografen Vincent Munier nach Tibet, um sich auf die Suche nach dem vom Aussterben bedrohten Schneeleoparden – einem der seltensten Tiere der Welt – zu machen. Auf über 5000 Metern hinterfragt Tesson dabei unser Dasein auf dieser Erde, in dem Hektik allgegenwärtig ist und kaum noch Raum für die Schönheit der Natur bleibt. Neben den von Tesson und Munier erhofften Begegnungen mit dem Schneeleoparden rücken im Buch die Schilderungen des Autors über die ihm abverlangte Geduld in eisiger Kälte ins Zentrum. Er beschreibt, wie gerade ihm als leidenschaftlicher Läufer und Redner das lange Warten, Ausharren und vor allem die fehlende Kommunikation Mühe bereiten. Gleichzeitig ist es für ihn überwältigend, welche Energie die unmittelbare Nähe zur Natur entstehen lässt. Die Stille der Bergwelt des Tibets mit ihrer unberührten und schneebedeckten Landschaft wirken enorm meditativ.
Schneeleoparden sind vom Aussterben bedrohte Tiere. Ihr Lebensraum wird immer kleiner. Die Weltnaturschutzorganisation IUCN (International Union for Conservation of Nature) führt den Schneeleoparden denn auch auf der "Roten Liste" der bedrohten Tierarten als "gefährdet" auf. Auch der Naturschutzbund Deutschland (NABU) weist auf den starken Rückgang dieser majestätischen Tierart hin und zeigt auf, wie die Wilderei, die Zerstörung der Natur und das weitere Voranschreiten der menschlichen Zivilisation die Lebensräume des Schneeleoparden erheblich reduzieren, was sich natürlich auf ihre Bestände auswirkt.
Das Töten von Schneeleoparden und der Handel mit ihren Körperteilen ist bereits seit den 1970er Jahren in sämtlichen Verbreitungsgebieten streng verboten. Dennoch stellen die illegale Jagd und der Handel wie etwa in Kirgistan, Tadschikistan und Russland noch immer ein grosses Problem dar. Gejagt wird dabei mit Eisenfallen und Giftködern. Die aus Schneeleoparden hergestellten Produkte reichen von Accessoires über Pelzbekleidung bis hin zu den aus ihren Knochen gewonnenen Bestandteilen der traditionellen chinesischen Medizin. Der Fang von Jungtieren ist insbesondere für Zoos und Zirkusse lukrativ.
Ein weiteres Problem besteht in den sich häufenden Konflikten zwischen Viehzüchtern und Schneeleoparden. Der Grund hierfür liegt in der Zerstückelung der Lebensräume der Raubtiere, die sich in der Folge mit den Weideflächen der vom Menschen gehaltenen Nutztiere kreuzen.
Weil ihm die Jagd auf seine natürlichen Beutetiere (bspw. Blauschafe oder Himalaya-Wollhasen) verunmöglicht wird, weicht der Schneeleopard gezwungenermassen auf das in den Dorfgemeinden gehaltene Vieh aus.
Um das entsprechende Verständnis der Einheimischen zu fördern, gibt es diverse Projekte, wie zum Beispiel das vom NABU und der Universität Wageningen entwickelte Programm "Mensch und Schneeleopard – Koexistenz im Nar-Tal". Dieses bezweckt, Strategien für eine friedliche Koexistenz zwischen Schneeleoparden und Menschen zu finden. Zudem baut der NABU eine zweite Anti-Wilderei-Einheit im Süden Kirgistans auf, um den Schneeleoparden-Schutz noch zu erweitern.
"Der Schneeleopard" ist ein poetisches Werk mit schönen Beschreibungen und Vergleichen. Der Autor sieht sich auf der Tierlauer mit seiner Vergangenheit, dem noch nicht lange zurück liegenden Tod seiner Mutter und seinem jetzigen Leben konfrontiert. Er vergleicht die Neuzeit mit der Zeit von 15’000 v.Chr. und hinterfragt unsere Rolle als Mensch auf einer Erde, die wir unaufhaltsam zerstören. Gleichzeitig ist es ein Genuss, die Schilderungen der Beobachtungen von Blauschafen, wilden Yaks und Wölfen zu lesen. Dabei erfahren die Leserin und der Leser, wie die Tiere die Anwesenheit ihrer Beobachter bemerken und dann für kurze, für den Betrachter enorm wertvolle und unvergessliche Augenblicke dessen Anwesenheit dulden.
Sylvain Tesson ist ein reisebegeisterter Schriftsteller. Für seine Reisebeschreibungen und Essays wurde er mit dem Prix Goncourt de la nouvelle und zuletzt mit dem Prix Renaudot für "Der Schneeleopard" ausgezeichnet.
Die Fotografien der tibetischen Fauna, die Vincent Munier während seiner vielen Aufenthalte in der tibetischen Hochebene gemacht hat, sind 2019 in dem Bildband "Zwischen Fels und Eis" im Knesebeck Verlag erschienen (mit Gedichten von Sylvain Tesson).
Das Werk "Der Schneeleopard" ist im Handel erhältlich und kann nach Voranmeldung während den Öffnungszeiten auch in der TIR-Bibliothek eingesehen werden, wo Lese- und Arbeitsplätze zur Verfügung stehen. Aktuelle Neuzugänge in der TIR-Bibliothek werden jeweils im Newsletter TIR-Bibliothek vorgestellt.
Weitere Informationen
- Buch: "Der Schneeleopard" von Sylvain Tesson
- Buchtipp: "Photographers Against Wildlife Crime" von Jaschinski Britta (Co-Creator), Gekoski Aaron, McArthur Jo-Anne, Ammann Karl, et al. (Photographers), Wilson Keith (Author)
- Website: photographersagainstwildlifecrime.com
- Buchtipp: "Das sechste Sterben - Wie der Mensch Naturgeschichte schreibt" von Elizabeth Kolbert
- Buchtipp: "Bestiarium - Zeugnisse ausgestorbener Tierarten" von Luc Semal