Newsletter TIR-Bibliothek: TIR präsentiert den Lesetipp
Die Stiftung für das Tier im Recht (TIR) stellt mit ihrem dritten Bibliotheksnewsletter des Jahres 2023 wiederum ausgewählte Neuzugänge vor. Präsentiert werden dabei Bücher, Artikel und Filmbeiträge zu tierrelevanten Themen. Im Fokus der aktuellen Ausgabe steht das Buch "Thing: Inside the Struggle for Animal Personhood", das die Bemühungen für die Anerkennung der fundamentalen Rechte von nicht-menschlichen Tieren auf unkonventionelle Art und Weise aufzeigt.
17.11.2023
Der Mensch (Homo sapiens) nimmt im Hinblick auf seine geistigen Fähigkeiten eine Sonderstellung gegenüber Tieren ein, wie das Kompaktlexikon der Biologie über den Begriff Mensch schreibt. Unser soziales Verhalten und die körperlichen Merkmale deuten darauf hin, dass Primaten und Menschen dieselben Ahnen haben und wir biologisch gesehen eine tierliche Spezies sind. Dass zwischen Mensch und Tier Unterschiede bestehen, ist offensichtlich. In vielerlei Hinsicht sind sie sich jedoch ähnlicher als von der Wissenschaft über lange Zeit angenommen. Im Bereich des Rechts gelten Tiere nicht als Träger rechtlich durchsetzbarer Rechte und Pflichten. Sie bleiben Vermögenswerte, an denen Eigentum bestehen kann. In den meisten Ländern werden nicht-menschliche Tiere vor dem Gesetz als "Dinge" betrachtet, was so viel heisst wie, dass sie nicht einmal den Status eines Individuums innehaben.
Im vorgestellten Buch "Thing: Inside the Struggle for Animal Personhood" werden im Rahmen eines grafischen Romans, gezeichnet von den renommierten Comiczeichnern Cynthia Sousa Machado und Sam Machado, die rechtlichen und wissenschaftlichen Argumente für die Persönlichkeitsrechte von Tieren dargelegt. Tiere sollen Grundrechte wie wir Menschen haben, die auf Freiheit, Autonomie, Gleichheit und Fairness beruhen und nicht mehr als Eigentum des Menschen gelten. Unter der Leitung des Anwalts Steven M. Wise und mit Unterstützung einiger der weltweit angesehensten Wissenschaftlern für Tierverhalten und Tierkognition vertritt das Nonhuman Rights Project (NhRP) seit 2013 nicht-menschliche Tiere vor Gericht. Steven M. Wise ist Autor des vorliegenden Buches und amerikanischer Rechtswissenschaftler, Gründer sowie Präsident der NhRP-Organisation. Er hat sich auf Tierschutzrechtsfragen, Primatologie und tierliche Intelligenz spezialisiert und lehrt seit 30 Jahren Tierschutzrecht in den Vereinigten Staaten. Die NhRP argumentiert, dass nicht-menschliche Tiere Anspruch auf Rechte haben sollen, die sich ihrer Art entsprechend umsetzen lassen. Die Gerichte sollen nach aktuellem Wissensstand und je nach Tierart die Ansprüche des Tieres wahrnehmen und dementsprechend ein Urteil fällen.
Im Buch wird der bewegende Fall der Elefanten-Dame Happy dokumentiert, die seit 45 Jahren im New Yorker Bronx-Zoo lebt. Wie alle Elefanten hat Happy einen komplexen Verstand und ein ausgeprägtes soziales Wesen mit einem Sinn für Selbsterkenntnis und dem Bedürfnis eigene Entscheidungen zu treffen. Doch wie alle nicht-menschlichen Tiere wird Happy vor dem Gesetz als Sache ("Thing") betrachtet, die keine grundlegenden Rechte hat. Das Buch enthält Abbildungen von Szenen in Gerichtssälen, die die Arbeit der Vertreter des Nonhuman Rights Project darstellen. Es zeigt, wie sie Happys Anliegen vertreten und nach der Rechtslehre des Habeas Corpus für die "körperliche Freiheit" des Elefanten plädieren. Die Aufnahme in eine Auffangstation wäre eine ideale Lösung, um ihr Wohlergehen zu erhöhen und unter den gegebenen Umständen ein relativ artgerechtes Leben gewährleisten zu können.
Einen grossen Erfolg konnte das Nonhuman Rights Project in einem Gerichtsfall mit den beiden Schimpansen Hercules und Leo verzeichnen, die als Versuchstiere gehalten worden waren. Die Anwälte der NhRP konnten die Gerichte davon überzeugen, dass die kognitiven Fähigkeiten der Schimpansen zu berücksichtigen sind und den Tieren gewisse Persönlichkeitsrechte, insbesondere das Recht auf Autonomie und Wohlergehen zu gewähren sind. Dieser Fall hat weltweit Aufsehen erregt und die Tür für ähnliche Fälle auf dem internationalen Parkett geöffnet. Dank dem grossen Engagement der Anwälte der NhRP-Organisation fanden die Schimpansen 2018 in einem Schutzgebiet in Georgia (USA) einen Lebensplatz, an dem sie zum ersten Mal auch frische Luft spüren durften.
Seit 2003 ist der Objektstatus von Tieren in der Schweiz aufgehoben. Tiere werden als empfindungs- und leidensfähige Lebewesen bezeichnet. Allerdings werden sie damit nicht auf die gleiche Ebene wie Menschen gestellt. Auch sind sie weiterhin nicht Träger rechtlich durchsetzbarer Rechte und Pflichten. Tiere bleiben Vermögenswerte, an denen Eigentum bestehen kann. Aus diesem Grund spricht beispielsweise das Strafgesetzbuch (StGB) bei einem verletzten oder getöteten Tier nach wie vor von einer Sachbeschädigung. Dennoch hat die Lösung des Tieres vom Sachstatus zu Anpassungen in verschiedenen Rechtsgebieten geführt. Übrigens gilt der Grundsatz, dass Tiere keine Sachen mehr sind, für alle lebenden Tiere. Dieser geht somit weit über das Tierschutzgesetz hinaus, das von wenigen Ausnahmen abgesehen nur Wirbeltiere schützt.
Die menschliche Überlegenheit zeigt sich heute vorwiegend in der Ausbeutung von Nutz-, Sport-, Heim-, Wild- und Versuchstieren tagtäglich und weltweit. Statt Fürsorge für unsere verletzliche Mitwelt zu üben, halten, züchten und domestizieren wir Tiere allein für unsere Bedürfnisse, sei es für Nahrung, Kleidung, Sport oder Entertainment. In aller Regel nehmen wir sie nicht als Individuen mit persönlichen Rechten wahr. "Thing: Inside the Struggle for Animal Personhood" zeigt auf bewegende Weise den Kampf einer Gruppe von Menschen für die Rechte von nicht-menschlichen Tieren und deren Loslösung vom Sachstatus. Die Anerkennung solcher Rechte in unserem Rechtssystem ist möglich und drängt sich auf, jedoch braucht es den politischen Willen, um gerechte Bedingungen für alle Lebewesen sicher zu stellen.
Das Werk "Thing: Inside the Struggle for Animal Personhood" ist im Handel erhältlich und kann nach Voranmeldung während den Öffnungszeiten auch in der TIR-Bibliothek eingesehen werden, wo Lese- und Arbeitsplätze zur Verfügung stehen. Aktuelle Neuzugänge in der TIR-Bibliothek werden jeweils im Newsletter TIR-Bibliothek vorgestellt.
Weitere Informationen:
- Buch: Thing: Inside the Struggle for Animal Personhood von Samuel Machado, Cynthia Sousa Machado und Steven M. Wise
- Nonhuman Rights Project (NhRP)
- Buch: Drawing the Line - Science and the Case for Animal Rights von Steven M. Wise
- Buch: Unlocking the Cage - Science and the Case for Animal Rights von Steven M. Wise
- Buch: Rattling the Cage - Toward Legal Rights for Animals von Steven M. Wise
- Artikel: Primaten als Grundrechtsträger: Überlegungen zum ersten bundesgerichtlichen Tierrechtsurteil von Charlotte Blattner und Raffael Fasel
- TIR über die Ablehnung der Initiative Grundrechte für Primaten
- Artikel: Elefanten erkennen sich im Spiegel
- Dokumentation: Wie Elefanten denken: der Spiegel-Test
- Übersicht der bisher erschienenen Newsletter