Newsletter TIR-Bibliothek: TIR präsentiert den Lesetipp
Die Stiftung für das Tier im Recht (TIR) stellt mit ihrem zweiten Bibliotheksnewsletter des Jahres 2024 wiederum ausgewählte Neuzugänge vor. Präsentiert werden dabei Bücher, Artikel und Filmbeiträge zu tierrelevanten Themen. Im Fokus der aktuellen Ausgabe steht das Buch "Wespen – Eine Versöhnung", das einen faszinierenden Einblick in das Leben der Wespen gewährt und ihre bemerkenswerten Verhaltensweisen und Fähigkeiten sowie auch ihre Nützlichkeit für das Ökosystem aufzeigt.
01.07.2024
Der wichtigen Rolle, die Wespen im weltweiten Ökosystem einnehmen, ist sich unsere Gesellschaft weitestgehend nicht bewusst. Statt ihr Potential zu erkennen, werden sie nicht selten als "angriffslustig", "gemein" oder "unnütz" abgestempelt. Kurz gesagt, die geflügelten Schönheiten geniessen leider einen eher schlechten Ruf. Seirian Sumner versucht mit dem vorliegenden Buch "Wespen – Eine Versöhnung" die Abneigung gegenüber diesen Tieren in eine Wertschätzung umzuwandeln. Dabei kommt der Leser in den Genuss ihres grossen Wissens und ihres reichen Erfahrungsschatzes.
Zu Beginn geht die Autorin auf den Zusammenhang zwischen Wespen und Bienen ein. Sie klärt die Leserschaft darüber auf, dass Bienen eigentlich Wespen sind, die vergessen haben, wie man jagt. Die "Urbiene" war denn auch eine solitäre Wespe, die zur Vegetarierin wurde, indem sie fleischliche durch pflanzliche Proteine beziehungsweise Pollen ersetzte und damit die bis heute anhaltende evolutionäre Beziehung der Bienen zu den Pflanzen einleitete. Wespen, von denen es mindestens 100 000 bekannte Arten gibt, sind zugleich auch die Vorfahren der Ameisen. Zudem soll der filigrane Wespennestbau als Vorbild für die Papierherstellung aus Zellulose gedient haben, wie der französische Physiker und Zoologe René-Antoine Ferchault Réaumur 1719 in seinen tier- und pflanzenphysiologischen Arbeiten festhielt.
Dass Wespen durchaus auch eine bedeutende Rolle als Bestäuber einnehmen, zeigt sich etwa am Beispiel der Feigenwespen. Ohne diese winzige, nicht stechende Wespenart gäbe es nicht nur keine Feigen, sondern auch die grosse Artenvielfalt von Feigenbäumen (mehr als 850 Arten) würde schlichtweg nicht existieren. Dies wäre fatal für das gesamte Ökosystem, denn die Feigenfrüchte dienen vielen Tierarten als überlebenswichtige Nahrungsquelle. Die Feigenbäume nehmen als Pionierpflanzen sowohl bei Wiederaufforstungsbemühungen als auch bei der Eindämmung des Klimawandels eine Schlüsselfunktion ein, da sie mit verhältnismässig schlechten Bedingungen bezüglich Nährstoffangebot und Standort zurechtkommen.
Weltweit sind mehr als 75 Prozent der Nutzpflanzen direkt von der Insektenbestäubung abhängig. Die Bienen leisten dabei den grössten Teil der Bestäubung, gefolgt von Fliegen, Schmetterlingen, Hummeln und Wespen. Ohne Bestäuberinsekten käme es weltweit zu einer Ernteeinbusse von fünf bis acht Prozent. Fehlt die Bestäubung, fehlt es auch an Mikronährstoffen, von denen die Bevölkerung in Form von Vitamin A und C, Folsäure, Kalzium und Fluorid profitiert. Mangelernährung und ein Anstieg von Krankheiten, wie zum Beispiel Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wären die Folge, was wiederum zu einem Anstieg der Kosten im Gesundheitsbereich führen würde.
Ferner ist das Potential der Wespen als natürlicher "Schädlingsbekämpfer" enorm. Bislang fehlen jedoch wissenschaftliche Erkenntnisse darüber, wie viele Tonnen von Insektenschädlingen durch Wespen aus unseren Agrargebieten beseitigt werden. Durch diese Berechnungen könnte eruiert werden, inwieweit die Wespen eine Alternative zu den herkömmlichen Schädlingsbekämpfungsmitteln darstellen, was zu einer Verringerung oder gar einem Verzicht des schädigenden Pestizideinsatzes führen könnte. Dies hätte nicht nur positive Auswirkungen auf die Artenvielfalt, sondern auch auf die Gesundheit sämtlicher Lebewesen.
Gegen Ende der Sommermonate empfinden viele Menschen die Wespen als störend und unangenehm. Aufgrund der hohen Zahl an hungrigen Wespenkindern, die auf eiweissreiche Nahrung angewiesen sind, kann das ein grosses Konfliktpotenzial auslösen, gerade wenn sich die Wespen für unsere Nahrungsmittel interessieren. Von Wespenfallen, sogenannten Lockfallen, in denen die Tiere elendig ertrinken oder den Ausweg nicht mehr finden, ist dringend abzuraten. Es gibt tiergerechtere und sanftere Methoden, um die Wespen gegebenenfalls zu vertreiben. So beispielsweise kann die Umgebung wespenfreundlich gestaltet werden, indem Nistplätze für die Tiere geschaffen oder insektenfreundliche Sträucher angepflanzt werden, die den Wespen zur Nahrungsaufnahme dienen. Als natürliche Wespenabwehrmittel helfen ferner Lavendel, Pfefferminzöl oder Zitrone. Den Geruch von glimmendem Kaffeesatz mögen Wespen ebenfalls nicht.
Bienen, Wespen und Hornissen gehören in der Schweiz nicht zu den geschützten Arten. 296 Wildbienenarten werden hingegen durch die Natur- und Heimatschutzgesetzgebung geschützt. Sie sind auf der vom zuständigen Bundesamt herausgegebenen Roten Liste der gefährdeten Arten aufgeführt und gelten dadurch immerhin in ihren Lebensräumen als schützenswert. Gemäss einem Merkblatt der Stadt Zürich sind die Deutsche Wespe und die Gemeine Wespe in unseren Breitengraden jedoch die häufigsten Arten. Die Mittlere Wespe und die Hornisse sind sogar vom Aussterben bedroht.
Bleibt zu hoffen, dass Seirian Sumners Buch es schafft, der Wespe mehr Dankbarkeit und Toleranz entgegenzubringen.
Das Werk "Wespen – Eine Versöhnung" der Entomologin und Verhaltensökologin Seirian Sumner, wurde mit dem Prädikat "Bestes Wissenschaftsbuch des Jahres 2024" ausgezeichnet. Es ist im Handel erhältlich und kann nach Voranmeldung während den Öffnungszeiten auch in der TIR-Bibliothek eingesehen werden, wo Lese- und Arbeitsplätze zur Verfügung stehen. Die englische Originalausgabe erschien 2022 unter dem Titel "Endless Forms – The Secret World of Wasps". Aktuelle Neuzugänge in der TIR-Bibliothek werden jeweils im Newsletter TIR-Bibliothek vorgestellt.
Weitere Informationen:
- Buch: Wespen - Eine Versöhnung von Seirian Sumner
- Buch (Englisch): Endless Forms - The Secret World of Wasps von Seirian Sumner
- Artikel: Wie Feigenbäume Wälder wieder aufforsten und die Biodiversität unterstützen von FoodUnfolded®
- Imkerei Hablützel: Tierrettung und Umsiedlung von Bienen, Wespen, Hornissen und Amphibien
- Bundesamt für Umwelt BAFU: Rote Liste der Bienen - Gefährdete Arten der Schweiz, Stand 2022 (= Umwelt-Vollzug Nr. 2402) oder vor Ort in unserer Bibliothek einsehbar
- Merkblatt der Stadt Zürich: Häufige Fragen zu Wespen
- Veranstaltung: Keine Angst vor Wespen und Hornissen, 27. August 2024, 18.30 - 20.00 Uhr Stadtgärtnerei - Zentrum für Pflanzen und Bildung, Zürich
- Buch: Stachel und Staat - Eine leidenschaftliche Naturgeschichte von Bienen, Wespen und Ameisen von Ohl Michael, Schurian Bernhard
- Buch: Bienen und Wespen, ihre Lebensgewohnheiten und Bauten (= Naturwissenschaftliche Bibliothek für Jugend und Volk, 1913) von Scholz Eduard