Newsletter TIR-Bibliothek: TIR präsentiert den Lesetipp

Die Stiftung für das Tier im Recht (TIR) stellt mit ihrem vierten Bibliotheksnewsletter des Jahres 2024 wiederum ausgewählte Neuzugänge vor. Präsentiert werden dabei Bücher, Artikel und Filmbeiträge zu tierrelevanten Themen. Im Fokus der aktuellen Ausgabe steht das Buch "Wir Tiere – Eine neue Geschichte der Menschheit", das einen faszinierenden Einblick in das Leben der einfallsreichsten, aggressivsten und zugleich widersprüchlichsten Tiere gibt, in das des Menschen.

20.12.2024

Wir Menschen grenzen uns gerne von Tieren ab, und dies obwohl wir sehr vieles mit ihnen gemeinsam haben und so gesehen auch Tiere sind. Wir hadern damit, auf der gleichen Stufe zu stehen, wie etwa ein Schwein oder ein Affe. Jedoch schmücken wir uns gerne mit Attributen anderer Lebewesen, die die menschlichen Fähigkeiten verstärken, die wir aber letztendlich gar nicht erreichen können. Zu denken ist beispielsweise an die Sehschärfe eines Adlers oder die Schnelligkeit eines Gepards. Die zahlreichen verblüffenden Eigenschaften der Natur- und Tierwelt inspirierten die Menschheit ferner auch zu bahnbrechenden Erfindungen. So diente die Stechweise der Mücken als Idee für Mikronadeln, führten Delfine und Fledermäuse zur Erfindung des Sonars oder regte die Pflanzengattung der Klette zu Klettverschlüssen an. Auch im Nachhaltigkeitsbereich orientieren sich die Forscher, Designer und Ingenieure immer mehr an der Natur und an nichtmenschlichen Lebewesen (sogenannte Bionik).

Das vorliegende Buch der Autorin Melanie Challenger bringt uns vor allem das Menschsein näher und veranschaulicht, wer wir sind und wie es sich mit unserer Beziehung zu den Tieren verhält und wieso wir oftmals unsere eigene tierliche Natur verleugnen. Unsere Denkweisen und das Verhalten gegenüber nichtmenschlichen Lebewesen erklärt Melanie Challenger aufgrund von biologischen, philosophischen und naturgeschichtlichen Erkenntnissen. Die Hierarchievorstellung, wonach der Mensch an der Spitze steht sowie die Begriffe "höhere" und "niedere" Art sind bis heute gebräuchlich. Ausserdem erklärt die Autorin, wie die Domestikation das Mensch-Tier-Verhältnis verändert hat. Es kam zu einer neuen Wahrnehmung des Menschen gegenüber anderen Lebewesen. Wildtiere, die einst Ehrfurcht einflössten, wurden zum Statusobjekt. Sie wurden zu "niederen" Wesen klassifiziert und sobald sie in irgendeiner Weise vom Menschen genutzt wurden, sei es für Fleisch, Wolle oder als Lasttiere, war es nicht mehr wichtig, sich in sie hineinzuversetzen. Wir betrachten unsere Intelligenz oder Handlungsweise seither als die wertvollere und sprechen vielen Tieren ein Bewusstsein sogar ganz ab.

Der Mensch ist aussergewöhnlich, da besteht kein Zweifel, vor allem wenn man die technischen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte betrachtet. Vieles davon hatte aber auch desaströse Folgen, was zu unserem ökologischen Ungleichgewicht geführt hat.

Es ergeben sich sodann immer wieder neue Hinweise dafür, dass Tiere über Gefühle und Absichten verfügen. Nicht zu vergessen ist ferner, dass die Tiere für den Bestand der Ökologie des Planeten Erde unabdingbar sind. Leider weicht der Mensch jedoch nicht gerne von seinen Vorstellungen ab, gerade etwa darüber, welche Art des Denkens nun wertvoller ist. Doch es kommt gar nicht darauf an, dass andere Lebewesen nicht so denken wie wir oder nur entsprechend ihrer Instinkte handeln. Deshalb ist es auch fraglich, welchen Sinn es ergibt, darüber zu spekulieren, ob ein Tier nun instinktiv oder aufgrund einer dynamischen Intelligenz agiert. Es bleibt sowieso erstaunlich verblüffend, wie ein Tier Probleme oder Hindernisse löst oder Trauer bei Verlust eines nahe stehenden Familienmitglieds zeigt – alles Verhaltensweisen, die jenen des Menschen sehr ähnlich sind. Was uns von den Tieren unterscheidet ist in erster Linie das Streben in eine falsche Richtung, sei es im Umgang mit Tieren, der Umwelt oder unseren Mitmenschen. Dieses Buch regt dazu an, statt über Unterschiede vielmehr über Gemeinsamkeiten zwischen Menschen und anderen Lebewesen nachzudenken. Vielleicht hat es an der Spitze der Hierarchie ja Platz für Menschen und Tiere?

Melanie Challenger studierte Literatur- und Sprachwissenschaften an der Universität Oxford. Ihr erstes Buch "On Extinction" zählte laut "Publisher’s Weekly" zu den besten Sachbüchern des Jahres 2012. Das Werk "Wir Tiere – Eine neue Geschichte der Menschheit" ist im Handel erhältlich oder kann nach Voranmeldung während den Öffnungszeiten auch in der TIR-Bibliothek eingesehen werden, wo Lese- und Arbeitsplätze zur Verfügung stehen.

Die englische Originalausgabe erschien 2021 unter dem Titel "How to be Animal – A New History of What it Means to Be Human". Aktuelle Neuzugänge in der TIR-Bibliothek werden jeweils im Newsletter TIR-Bibliothek vorgestellt.